Die Einzelgängerin
Es gibt eine Art von Lüge, die man nicht sofort erkennt. Nicht, weil sie besonders raffiniert wäre, sondern weil sie genau das trifft, was man respektiert.
Johanna wusste das. Sie wusste, dass "Ich bin Einzelgängerin" mich - zumindest eine Zeit lang - ausknocken konnte.
Ich respektierte Einzelgänger mehr als fast alles andere in der Welt. Denn in Wahrheit war ich selbst eine. Nur war ich nie stolz darauf. Ich habe es nie wie eine Auszeichnung vor mir hergetragen, mich nie wie in eine Decke darin gewickelt. Ich habe mich nie so bezeichnet. Eigentlich dachte ich im Grunde, dass alle Menschen Einzelgänger sind - nur versuchen wir, die Menschen mit Herz, einander trotzdem zu erreichen und einander Wärme zu geben.
Warum sollte sich jemand so bezeichnen?
Wir kannten uns aus einer früheren Zeit. Ich war das Mädchen, das ihr - angeblich - gesagt hatte: "Schau mal, dieser Robert, der sieht doch nett aus. Wie wär's mit euch?" Sie erzählte mir das später, als wären meine Worte der Beginn von etwas Unausweichlichem gewesen. Zehn Jahre Robert. Zehn Jahre Alkohol, Vernachlässigung, ein Mann, der trank und sie wie Luft behandelte. Dann kam Thomas. Der Pornosüchtige. Der Lästerer. Der Mann, von dem ich nicht verstand, was sie an ihm fand - bis ich verstand, dass es nicht darum ging, was sie an ihm fand, sondern darum, dass sie jemanden brauchte.
Dazwischen lagen fünfundzwanzig Jahre, in denen wir uns nicht sahen. Ich lebte in einem anderen Land. Sie lebte ihre Lüge.
Als ich zurückkam, war ich eine andere. Vegan. Rohkost. Streng mit mir, strenger mit anderen. Ich hatte gelernt, dass Sucht den Charakter verdirbt - nicht nur die Person, sondern alles um sie herum. Ich hatte beschlossen: keine süchtigen Freunde mehr. Das war keine Grausamkeit. Es war Selbstschutz.
Aber Johanna? Johanna war die Ausnahme.
"Ich bin Einzelgängerin", sagte sie.
Jedes Mal gab es mir einen Stich.
Einen doppelten Stich, eigentlich.
Einerseits, weil ich keine Lüge dahinter vermutete und dachte: Die arme Frau. Die leidet halt noch sehr. Ich wollte ihr glauben. Ich musste ihr glauben, weil ich Einzelgänger respektierte. Weil ich dachte, sie ist wie ich - nur bescheidener. Sie trägt es nicht zur Schau.
Andererseits bekam ich auch von der anderen Seite einen Stich. Etwas in mir wollte es nicht glauben. Diese Frau? Gerade sie? Einzelgängerin?
Wo?
Wo war diese Frau selbständig? Unabhängig? Frei?
Einzeln überlebt man nur, wenn man gewisse Qualitäten hat. Ich sah keine davon bei ihr. Sie lebte mit einem Mann zusammen, den sie nicht liebte. Sie sagte selbst: "Er ist nicht mein bester Freund." Ihre fünfundachtzigjährige Mutter jammerte sie stundenlang voll, beschimpfte sie, dass das Essen nicht lecker sei. Und Johanna? Sie kochte weiter. Sie wusch ab. Sie blieb.
Das ist nicht Einzelgänger sein. Das ist Gefangensein.
Aber ich verdrängte den Gedanken. Denn ich vermutete nicht, dass sie mich anlog. Warum sollte sie? Und ich hatte es auch nicht verdient, angelogen zu werden.
Also wertschätzte ich sie fortan als bescheidene Einzelgängerin.
Warum nicht.
Nur - irgendwie wollte die Geschichte keinen Sinn ergeben.
Zehn Jahre lang war ich für sie da. Seit ich zurück war. Ich besuchte sie regelmäßig in ihrer Arbeit. Oft stundenlang. Warum sollte ich das für eine Fremde tun? Natürlich waren wir beste Freundinnen. Wer zum Teufel hat sonst Zeit, so viel Zeit mit jemandem zu verbringen und zu reden?
Ich erzählte ihr von Feng Shui. Wie sie ihre Gesundheit verbessern könnte. Ihr Leben ordnen. Sie zückte ein Notizbuch. Machte sich Notizen. Nickte ernst.
Monate später, lässig: "Natürlich habe ich nichts davon umgesetzt."
Nicht entschuldigend. Nicht verlegen. Lässig. Als wäre das selbstverständlich.
Du dumme. Hast dir wirklich gedacht, ich interessiere mich für das Zeug, was du mir erzählst? Ist mir doch wurst, was du hier redest. Es ist meine Arbeitszeit. Ich bekomme bezahlt dafür. Kannst reden, wovon du willst.
Und dann sagte ich ihr:
"All das, was du sagst darüber, dass die Person selbst bereit werden muss für die Veränderung, ist von deiner Perspektive aus nachvollziehbar und legitim. Aus meiner Perspektive heißt das aber, dass du nicht bereit bist, meine Freundschaft zu erwidern, meine Bedürfnisse in der Freundschaft zu erwidern."
Sie antwortete kühl:
"Ja du hast Recht. Ich bin halt Einzelgängerin."
Diesmal, als Erklärung. Als Ausrede. Als Grund, warum sie keine Zeit hatte. Warum wir uns nicht mehr sahen. Warum sie mich - wieder einmal - hingehalten und mir was vorgemacht hatte.
Und auf einmal sprudelte es aus mir raus.
Halt mal.
Das, was du hier machst - mich jahrelang, jahrzehntelang hingehalten zu haben, mir immer wieder den Schein zu geben, dass wir Freunde sind, und dann zu sagen "ich bin Einzelgängerin"?
Ich WAR einzeln. Ich WAR wirklich allein. Und ich war trotzdem für dich da. Die ganze Zeit. Ich habe mich niemals als Einzelgängerin bezeichnet.
Aber du? Du lebst mit einem Mann zusammen, den du nicht liebst. Du kannst keinen Tag lang ohne jemanden sein. Du hast nie Zeit für mich - aber immer Zeit für den nächsten beschissenen Freund, den du dir suchst.
Das ist nicht Einzelgänger sein.
Das ist Unehrlichkeit.
Und ich habe keinen Platz mehr für dich in meinem Leben.
Camus schrieb, dass wir alle Sisyphos sind. Den Stein den Berg hochrollen, wissend, dass er wieder runterfällt. Aber Sisyphos ist frei, weil er weiß. Weil er den Schein nicht braucht.
Johanna war das Gegenteil. Sie rollte den Stein nicht. Sie war der Stein. Und sie wusste es nicht.
Oder sie wusste es und wollte es nicht wissen.
Beides ist Sucht.
Mein Vater war Alkoholiker. Nicht der prügelnde Typ, sondern der zufriedene. Der, der über Probleme redete und dabei lächelte. Nicht wie jemand, der etwas ändern will, sondern wie jemand, der eine gute Ausrede gefunden hat. "Ich hab halt viel um die Ohren", sagte er. "Das Leben ist halt stressig." Und dabei wirkte er... zufrieden. Als wäre das Trinken nicht das Problem, sondern die Lösung, die er sich verdient hatte.
Johanna hatte dasselbe Lächeln.
"Ich bin Einzelgängerin." Nicht traurig. Nicht wie jemand, der drunter leidet. Sondern zufrieden. Als wäre das eine Erklärung, die alles rechtfertigt.
Süchtige rationalisieren. Sie leben im Schein. Und sie wollen das nicht ändern.
Ich versuchte, ihr zu helfen. Natürlich tat ich das.
Als ich zurückkam, sagte ich ihr: "Thomas ist nichts für dich." Sie war empört. Was ich mir erlaube. Sie solle ich in Ruhe lassen.
Monate später: "Gott sei Dank hast du mir das gesagt."
Sie trennte sich von Thomas. Sie wurde vegan - wegen mir. Sie kochte richtig - wegen mir. Sie fing an, anders zu leben.
Aber dann bestrafte sie mich dafür.
Zwei Jahre lang. Funkstille. Weil ich ihr geholfen hatte, aber sie es nicht ertragen konnte, dass ich Recht hatte. Weil sie mir dankbar sein musste, aber nicht konnte. Weil Süchtige so sind: Sie nehmen, aber sie geben nicht zurück. Nicht wirklich.
Als sie zurückkam, war alles wie vorher. "Ich hab keine Zeit." "Ich bin Einzelgängerin." Die gleiche Lüge. Nur in anderer Farbe.
Ich stellte mir irgendwann die Frage: Warum bin ich so lange geblieben?
War es Loyalität? War es Mitleid? War es die Hoffnung, dass sie sich ändern würde?
Nein.
Es war, weil sie wusste, wie sie mich treffen konnte.
"Ich bin Einzelgängerin."
Sie wusste, dass ich das respektierte. Dass ich dachte: Vielleicht ist sie wie ich. Vielleicht braucht sie nur Raum.
Aber die Wahrheit war: Sie war nicht wie ich.
Ich war allein, weil ich keine andere Wahl hatte. Sie war allein, weil sie zu süchtig war, um echte Verbindungen zuzulassen.
Ich war Einzelgängerin aus Not. Sie nannte sich Einzelgängerin aus Ausrede.
Das ist der Unterschied.
Es gibt ein altes schamanisches Prinzip: Du kannst niemandem helfen, der nicht gerettet werden will.
Johanna wollte nicht gerettet werden. Sie wollte ihre Ausreden behalten. "Ich bin Einzelgängerin" war ihre Flasche. Ihr täglicher Schluck Selbstbetrug.
Ich konnte ihr helfen, Thomas loszuwerden. Ich konnte ihr zeigen, wie man kocht, wie man lebt. Aber ich konnte sie nicht davon abhalten, den nächsten Mann zu suchen. Den nächsten Schein zu leben.
Sucht ist eine Wahl. Keine bewusste, aber eine Wahl. Die Wahl, nicht hinzusehen.
Heute weiß ich: Süchtigen kann man helfen. Manchmal. Wenn sie wollen.
Aber befreundet sein? Nein.
Nicht, wenn man nach Erfolg strebt. Nicht, wenn man hohe Ziele hat. Nicht, wenn man Reziprozität will, Ehrlichkeit, Gegenseitigkeit.
Denn Sucht verdirbt den Charakter. Nicht nur den der Süchtigen, sondern auch den ihrer Umgebung. Sie zieht dich runter. Sie lässt dich glauben, du seist kleinlich, wenn du Grenzen setzt. Sie lässt dich denken, du seist egoistisch, wenn du sagst: "Das reicht."
Aber das Gegenteil ist wahr.
Grenzen sind Selbstliebe.
Klarheit ist Freiheit.
Ich denke manchmal an Johanna. An ihre zufriedene Miene, wenn sie sagte: "Ich bin Einzelgängerin."
Ich denke an meinen Vater, der lächelnd über seine Probleme sprach.
Und ich verstehe: Manche Menschen wollen den Schein mehr als die Wahrheit.
Sie wollen die Ausrede mehr als die Lösung.
Sie wollen die Lüge mehr als die Freiheit.
Und das ist ihr Recht.
Aber es ist nicht meins, dabei zuzusehen.
Sisyphos rollt den Stein. Aber er weiß, dass er rollt.
Johanna rollt nicht. Sie ist der Stein.
Und ich? Ich bin die, die aufgehört hat, ihn hochzuschieben.
Nicht, weil ich aufgegeben habe.
Sondern weil ich endlich verstanden habe: Einzelgänger sein bedeutet nicht, allein zu sein.
Es bedeutet, frei zu sein.
Und Freiheit beginnt da, wo die Lüge endet.
Die universelle Wahrheit
Aber die Wahrheit ist noch größer als diese eine Geschichte.
Die Wahrheit ist: Jeder Mensch auf dieser Welt ist ein Einzelgänger. Von Natur aus.
Das heißt Mensch sein.
Mensch sein heißt: einzeln dem Leben gegenüberstehen. Sich einzeln mit sich selbst auseinandersetzen. Für niemanden - niemanden - gibt es auf dieser ganzen Welt irgendwelche Sicherheiten, Abkürzungen oder Cheatcodes.
Jeder Mensch muss durch sein eigenes Leben gehen. Allein.
Das ist nicht traurig. Das ist nicht einsam. Das ist einfach wahr.
Zwei Wege
Aber es gibt zwei Arten, damit umzugehen.
Die erste Art:
Du nennst dich "Einzelgängerin", während du an toxischen Beziehungen klebst. Du sagst "ich habe keine Zeit", während du Stunden am Tag mit Menschen verbringst, die dir nichts bedeuten. Du nimmst und nimmst und nimmst - und wenn jemand etwas zurückerwartet, sagst du: "Ich bin halt so."
Das ist nicht Einzelgänger sein.
Das ist Sucht.
Das ist Selbstbetrug.
Das ist Feigheit.
Die zweite Art:
Du erkennst, dass du allein bist - und du gehst trotzdem aufrecht. Du setzt Grenzen. Du sagst Nein zu Menschen, die dich runterziehen. Du fluchst, wenn du fluchen musst. Du bist ehrlich - mit dir selbst und mit anderen.
Das ist Einzelgänger sein.
Das ist Freiheit.
Das ist Mut.
Johanna hat die erste Art gewählt. Vielleicht, weil sie es nicht anders kann. Vielleicht, weil sie Angst hat. Vielleicht, weil sie nie begriffen hat, dass es eine zweite Art gibt.
Aber das ist keine Entschuldigung.
Denn die Wahrheit ist: Wer sich weigert, ehrlich zu sich selbst zu sein, der verdirbt nicht nur sein eigenes Leben. Der verdirbt auch das Leben all jener, die ihm nahe kommen.
Sucht ist ansteckend. Nicht im medizinischen Sinne. Aber im menschlichen.
Sie zieht dich runter. Sie lässt dich zweifeln. Sie lässt dich denken: Vielleicht bin ich zu streng. Vielleicht sollte ich nachgeben. Vielleicht bin ich das Problem.
Aber du bist nicht das Problem.
Die Lüge ist das Problem.
Eine Einladung
Ich schreibe das nicht, um Johanna zu verurteilen. Ich schreibe das, weil es Menschen gibt, die in genau dieser Falle sitzen. Die sich "Einzelgänger" nennen, während sie an jedem klammern, der ihnen Aufmerksamkeit gibt. Die sagen "ich habe keine Zeit", während sie Stunden mit Belanglosigkeiten verschwenden. Die nehmen und nehmen - und sich dann wundern, warum niemand bleibt.
Sei nicht wie Johanna.
Wähle nicht, unfrei zu sein.
Und Unfreiheit ist ansteckend.
Die Menschen, die ihre Süchte überwunden haben, wissen das am besten.
Sie wissen, dass es keine Abkürzungen gibt. Keine Cheatcodes. Keine Ausreden, die einen retten.
Sie wissen, dass man durch die Hölle gehen muss - durch die eigene, ganz persönliche Hölle - um auf der anderen Seite anzukommen.
Und sie wissen: Es lohnt sich.
Nicht, weil das Leben dann leichter ist. Sondern weil es wahrer ist.
Weil man aufhört, sich selbst zu belügen.
Weil man aufhört, andere zu belügen.
Weil man aufhört, im Schein zu leben - und anfängt, im Sein zu leben.
— Albert Camus
Warum?
Nicht, weil der Stein leichter wird. Nicht, weil der Berg verschwindet.
Sondern weil Sisyphos weiß, was er tut. Er hat keine Ausreden mehr. Er hat keine Lügen mehr. Er hat nur noch die Wahrheit: den Stein, den Berg, sich selbst.
Und in dieser Klarheit - in dieser brutalen, nackten Ehrlichkeit - liegt Freiheit.
Johanna ist nicht Sisyphos.
Johanna ist jemand, der behauptet, den Stein zu rollen - während sie in Wahrheit auf ihm sitzt und darauf wartet, dass jemand anderes ihn für sie hochschiebt.
Und wenn niemand kommt? Dann beschwert sie sich über den Stein. Über den Berg. Über das Leben.
Aber sie steht nicht auf.
Sie rollt nicht.
Sie bewegt sich nicht.
Sei nicht wie Johanna.
Der Weg zur Ehrlichkeit
Stattdessen: Sei ehrlich.
Ehrlich zu dir selbst. Ehrlich zu anderen.
Wenn du süchtig bist - sag es. Nicht als Ausrede. Sondern als Anfang.
Wenn du allein bist - sag es. Nicht als Opferrolle. Sondern als Wahrheit.
Wenn du Hilfe brauchst - frag. Nicht manipulativ. Sondern direkt.
Und wenn du keine Hilfe geben kannst - sag Nein. Nicht als Angriff. Sondern als Grenze.
Das ist der Weg.
Nicht leicht. Aber wahr.
Ich bin Einzelgängerin.
Nicht, weil ich es will. Nicht, weil ich stolz darauf bin.
Sondern weil ich die Lügen losgelassen habe.
Weil ich die Süchtigen losgelassen habe.
Weil ich die Menschen losgelassen habe, die den Schein mehr lieben als die Wahrheit.
Und in diesem Loslassen - in diesem einzelnen, aufrechten Stehen vor dem Leben - habe ich mehr Freiheit gefunden, als in allen falschen Freundschaften zusammen.
Das ist keine Abrechnung.
Das ist eine Einladung.
Eine Einladung, aufzuwachen. Ehrlich zu werden. Frei zu werden.
Johanna wird vielleicht nie aufwachen. Vielleicht in einem anderen Leben. Vielleicht nie.
Aber du - ja, du, der das liest - du kannst.
Du kannst deine Süchte ansehen. Du kannst deine Lügen ansehen. Du kannst deine Ausreden ansehen.
Und du kannst sagen: Genug.
Nicht morgen. Nicht nächstes Jahr.
Jetzt.
Denn das Leben wartet nicht.
Der Berg wird nicht kleiner.
Der Stein wird nicht leichter.
Aber du kannst aufhören, auf ihm zu sitzen.
Du kannst anfangen, ihn zu rollen.
Und in diesem Rollen - in diesem bewussten, ehrlichen, aufrechten Tun - liegt alles.
Nicht Glück. Nicht Sicherheit. Nicht Perfektion.
Aber Freiheit.
Und Freiheit ist genug.
Sei wie Sisyphos.
Oder besser noch: Sei wie du selbst - nur ehrlich.
— Amy Lang