Die Schlafenden
Als mein Freund kannst du alles sein, nur nicht innen hohl.
Aristoteles unterschied drei Arten der Freundschaft. Die erste basiert auf Nutzen: Ich brauche dich für etwas, du brauchst mich für etwas, wir nennen es Freundschaft. Die zweite basiert auf Vergnügen: Wir haben Spaß zusammen, wir lachen, wir genießen dieselben Dinge. Die dritte – die seltenste – nannte er die Freundschaft der Tugend: Zwei Menschen, die einander sehen. Nicht was der andere hat. Nicht was der andere tut. Sondern wer der andere ist.
Ich dachte 25 Jahre lang, ich hätte einen Freund der dritten Art.
Ich hatte mich geirrt.
Wir kannten uns seit einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, wer ich war. Vielleicht war das das Problem. Vielleicht hatte er sich an eine Version von mir gewöhnt, die es nicht mehr gibt – und ich hatte mich an die Illusion gewöhnt, dass Gewohnheit dasselbe sei wie Verbundenheit.
Über die Jahre war ich immer da gewesen. Nicht auf eine laute Art. Nicht auf eine fordernde Art. Ich hörte zu, wenn er redete. Ich erinnerte mich an Dinge, die er mir erzählt hatte – manchmal besser als er selbst. Ich fragte nach. Ich interessierte mich. Und wenn er Macken hatte, Launen, Eigenheiten – dann ließ ich sie ihm. Nicht aus Schwäche, sondern aus dem Verständnis heraus, dass Menschen komplex sind und dass Freundschaft bedeutet, den anderen nicht in eine Form pressen zu wollen.
Ich verlangte nicht viel. Vielleicht war das mein Fehler. Oder vielleicht war es meine Stärke, die er für Selbstverständlichkeit hielt.
Denn Menschen, die wenig verlangen, werden oft so behandelt, als hätten sie wenig zu geben. Als wäre ihre Genügsamkeit ein Zeichen dafür, dass sie es nicht anders verdient haben.
Vor kurzem erfuhr ich, dass meine Stiefmutter krank ist. Meine Stiefmutter – eine der wenigen Menschen in meinem Leben, die mich wirklich kennt. Eine der wenigen, bei denen ich nicht erklären muss, wer ich bin. Eine der wenigen, deren Verlust ich mir nicht vorstellen kann, ohne dass etwas in mir zusammenzuckt.
Ich rief meinen Freund an. Nicht, weil ich eine Lösung wollte. Nicht, weil ich einen Ratschlag brauchte. Sondern weil ich dachte: Das ist es doch, wofür Freundschaft da ist. Um nicht allein zu sein mit dem, was wehtut.
Seine erste Reaktion war ein Ratschlag. Sie müsse ihre Ernährung umstellen. So und so und so.
Ich sagte ihm, dass ich ihr das längst gesagt hatte. Dass sie nicht offen dafür ist. Dass ich ihn nicht angerufen hatte, um über Ernährung zu sprechen, sondern weil ich traurig war. Weil ich Angst hatte. Weil ich einen Menschen brauchte, der einfach da ist.
Was dann kam, werde ich nicht vergessen.
"Wenn sie nicht offen dafür ist – warum erzählst du mir das dann? Wozu 'teilst' du das mit mir?"
Eine Pause. Dann:
"Ich habe dafür überhaupt keine Zeit. Für sowas. Und überhaupt – das ist doch gar nicht dein Thema."
Nicht dein Thema.
Meine sterbende Stiefmutter. Nicht mein Thema.
Ich legte auf. Nicht wütend. Nicht weinend. Sondern mit einer Klarheit, die mich selbst überraschte. Als hätte jemand einen Vorhang weggezogen, hinter dem ich 25 Jahre lang nicht hatte sehen wollen.
Die Architektur der Hohlheit
In den Tagen danach dachte ich viel nach. Nicht über ihn – sondern über das, was diese eine Begegnung offenbart hatte. Über die Struktur dessen, was ich für Freundschaft gehalten hatte.
Und ich erkannte ein Muster.
Es gibt Menschen, die die Sprache der Verbundenheit sprechen, ohne je verstanden zu haben, was sie bedeutet. Sie sagen "Freund", wie andere "Kollege" sagen – als Kategorie, nicht als Verpflichtung. Sie sind da, wenn es bequem ist. Sie hören zu, wenn es sie nicht viel kostet. Sie geben, solange das Geben sie nicht fordert.
Aber in dem Moment, in dem du etwas brauchst – wirklich brauchst, nicht als Smalltalk, nicht als Unterhaltung, sondern als existenzielles Angewiesensein auf einen anderen Menschen – in diesem Moment zeigt sich die Hohlheit.
Ich habe keine Zeit dafür.
Das ist der Satz, an dem Freundschaften sterben. Nicht weil Zeit knapp wäre – Zeit ist immer knapp, für jeden von uns. Sondern weil dieser Satz verrät, dass du auf der Liste dessen, wofür dieser Mensch Raum schafft, nicht vorkommst. Dass du 25 Jahre lang geglaubt hast, einen Platz zu haben, der nie existiert hat.
Montaigne schrieb über seinen Freund Étienne de La Boétie: "Wenn man mich drängt zu sagen, warum ich ihn liebte, fühle ich, dass es nur dadurch ausgedrückt werden kann, indem ich antworte: Weil er er war, weil ich ich war."
Das ist die Freundschaft der Tugend, von der Aristoteles sprach. Kein Nutzen. Kein Vergnügen. Sondern das Erkennen eines anderen Wesens in seiner Ganzheit – und das Erkannt-Werden in der eigenen.
Aber was, wenn du erkennst – und der andere nicht? Was, wenn du 25 Jahre lang "weil er er war" gesagt hast, und der andere hat die ganze Zeit nur gesehen, was du für ihn tun konntest?
Die Schlafenden
Ich nenne sie die Schlafenden. Nicht als Beleidigung. Als Beschreibung.
Sie schlafen nicht körperlich. Sie funktionieren. Sie gehen zur Arbeit. Sie führen Gespräche. Sie haben Beziehungen, die wie Beziehungen aussehen. Aber irgendwo in ihnen ist ein Raum, der nie aufgewacht ist. Ein Raum, in dem das Verständnis wohnen sollte, dass andere Menschen keine Kulissen sind. Keine Statisten im eigenen Film. Keine Ressourcen, die man anzapft, wenn man sie braucht.
Die Schlafenden predigen oft Werte, die sie nicht leben. Sie sprechen von Loyalität – und verschwinden, wenn es schwierig wird. Sie sprechen von Tiefe – und bleiben an der Oberfläche, sobald die Tiefe unbequem wird. Sie sprechen von Freundschaft – und meinen: jemanden zu haben, der da ist, wenn ich es brauche.
Das Tragische daran: Sie wissen es nicht. Sie schlafen ja.
Sie halten ihre Hohlheit für normal. Sie halten ihre Unfähigkeit zur Präsenz für Pragmatismus. Sie halten ihre emotionale Abwesenheit für Stärke.
Und manchmal – das ist das Schmerzhafte – sind sie damit ihr ganzes Leben lang durchgekommen. Weil es immer Menschen gab, die wenig verlangten. Die ihre Macken ließen. Die blieben, obwohl nichts zurückkam.
Menschen wie ich.
Die Frage, die ich mir hätte stellen sollen
Ich habe mich gefragt, in den Tagen nach diesem Telefonat: Warum bin ich so lange geblieben?
Die ehrliche Antwort ist kompliziert.
Ein Teil von mir hatte sich an die Gewohnheit gewöhnt. 25 Jahre sind lang. Menschen werden zu Landschaften, die man nicht mehr hinterfragt. Sie sind einfach da, wie Berge da sind, und man fragt nicht, ob der Berg einen trägt oder nur im Weg steht.
Ein anderer Teil von mir hatte geglaubt, dass meine Treue irgendwann erwidert werden würde. Dass, wenn ich nur lange genug gebe, der andere schon verstehen wird, was ich wert bin. Als wäre Freundschaft ein Konto, das sich irgendwann auszahlt.
Aber der tiefste Teil – der Teil, den ich am längsten nicht sehen wollte – hatte eine andere Wahrheit:
Ich hatte Angst, dass er Recht haben könnte. Dass ich tatsächlich nicht wertvoll genug bin, um Zeit für mich aufzuwenden. Dass meine Bedürfnisse tatsächlich "nicht mein Thema" sind.
Diese Stimme – leise, aber beharrlich – hatte mich 25 Jahre lang an einem Ort gehalten, der mir nicht gut tat. Nicht weil der Ort so anziehend war. Sondern weil das Verlassen bedeutet hätte, mir einzugestehen, dass ich etwas Besseres verdiene. Und das hätte bedeutet, es auch einzufordern.
Es gibt eine Art von Selbstschutz, die sich als Loyalität verkleidet. Wir bleiben bei Menschen, die uns nicht sehen, weil das Gesehen-Werden-Wollen uns verletzlich machen würde. Wir akzeptieren Krümel, weil das Fordern von mehr bedeuten würde, dass wir glauben, mehr zu verdienen.
Und was, wenn wir es fordern – und trotzdem nichts bekommen?
Diese Angst hält uns gefangen. In hohlen Freundschaften. In einseitigen Beziehungen. In der Illusion, dass wenig immer noch besser ist als nichts.
Was ich über echte Freundschaft gelernt habe
Echte Freundschaft ist keine Transaktion. Aber sie ist auch kein einseitiges Opfer.
Sie ist eine Praxis. Ein tägliches Sich-Entscheiden. Nicht für jemanden, weil er nützlich ist oder weil er Spaß macht – sondern weil sein Existieren dein Leben reicher macht. Und weil du weißt, dass dein Existieren auch seines reicher macht.
Echte Freundschaft hält nicht Buch. Aber sie hat ein Gespür für Balance. Nicht die mathematische Sorte – "du hast mir dreimal zugehört, also schulde ich dir dreimal Zuhören." Sondern die intuitive Sorte: das Wissen, dass beide geben und beide empfangen. Dass keiner sich klein machen muss, damit der andere groß sein kann.
Echte Freundschaft hat Zeit. Nicht immer, nicht unbegrenzt – aber in den Momenten, die zählen. Wenn jemand, den du liebst, trauert. Wenn jemand, den du kennst, Angst hat. Dann hat echte Freundschaft Zeit. Selbst wenn sie keine hat.
Denn "keine Zeit haben" ist niemals eine Aussage über Zeit. Es ist eine Aussage über Prioritäten. Und wer dir sagt, er habe keine Zeit für deinen Schmerz, der sagt dir in Wahrheit: Du stehst nicht hoch genug auf meiner Liste.
Freundschaft ist, wenn jemand da ist, gerade weil es ihn etwas kostet.
Der Preis heißt Präsenz. Und manche Menschen sind nicht bereit, ihn zu zahlen.
An die, die immer gegeben haben
Vielleicht erkennst du dich in diesem Text. Vielleicht bist du einer von denen, die jahrelang da waren. Die zugehört haben, ohne viel zurückzubekommen. Die Treue gegeben haben, ohne Treue zu empfangen. Die sich irgendwann gefragt haben: Bin ich zu viel? Verlange ich zu viel? Bin ich das Problem?
Ich möchte dir etwas sagen, das du vielleicht schon weißt, aber noch nicht ganz glaubst:
Du warst nie das Problem.
Dein Geben war kein Fehler. Deine Treue war keine Schwäche. Dein Wunsch nach Verbundenheit war kein "zu viel".
Das Problem war, dass du jemandem gegeben hast, der nicht empfangen konnte. Nicht wirklich. Jemand, der dein Geben als selbstverständlich nahm, weil er nicht wusste – oder nicht wissen wollte –, was es bedeutet, etwas zu empfangen und es zu ehren.
Die Schlafenden können nicht empfangen. Sie können nur nehmen. Und das ist nicht dasselbe.
Nehmen ist: Ich greife zu, weil ich es brauche. Empfangen ist: Ich nehme an, was mir geschenkt wird, und erkenne das Geschenk als das, was es ist.
Du hast jahrelang geschenkt. Sie haben genommen. Und irgendwann hast du dich gefragt, warum du dich so leer fühlst.
Es gibt ein schamanisches Prinzip, das ich vor Jahren gelernt habe: Du kannst niemandem helfen, der nicht gerettet werden will. Und du kannst niemanden nähren, der nicht empfangen kann.
Das gilt auch für Freundschaft.
Du kannst nicht allein für zwei präsent sein. Du kannst nicht allein für zwei Verbundenheit schaffen. Du kannst jahrelang geben – aber wenn der andere nicht empfängt, dann gibst du in ein Loch. Und Löcher werden nicht voller, egal wie viel man hineinwirft.
An die Schlafenden
Und vielleicht – nur vielleicht – erkennst du dich auf der anderen Seite. Vielleicht liest du das und merkst: Das könnte ich sein. Das könnte ich jemandem angetan haben.
Wenn ja, dann ist dieser Text keine Anklage. Er ist eine Einladung.
Wach auf.
Nicht für mich. Nicht für den Menschen, dem du "keine Zeit" gesagt hast. Sondern für dich selbst. Weil ein Leben, in dem du niemandem wirklich nahe kommst, ein armes Leben ist. Selbst wenn du es nicht merkst. Selbst wenn du denkst, dass Unabhängigkeit dasselbe ist wie Stärke.
Frag dich: Wann hast du das letzte Mal jemandem zugehört – nicht, um zu antworten, sondern um zu verstehen? Wann hast du das letzte Mal Zeit für jemanden genommen, obwohl es dir nichts gebracht hat außer seiner Dankbarkeit? Wann hast du das letzte Mal den Schmerz eines anderen ausgehalten, ohne ihn wegrationalisieren zu wollen?
Wenn du auf diese Fragen keine Antwort hast – dann ist jetzt der Moment.
Denn die Menschen, die dir treu waren, werden nicht ewig bleiben. Irgendwann werden sie aufhören, an deine Tür zu klopfen. Nicht aus Rache. Nicht aus Verletztsein. Sondern aus dem stillen Verstehen, dass eine Tür, die nie aufgeht, keine Tür ist – sondern eine Wand.
Und dann wirst du allein sein mit deiner Effizienz. Mit deiner Produktivität. Mit all den wichtigen Dingen, für die du Zeit hattest, während du keine Zeit hattest für die Menschen, die dich liebten.
Das Erwachen
Ich habe nach dem Telefonat einen Satz auf Facebook gepostet. Er lautete:
Als mein Freund kannst du alles sein, nur nicht innen hohl.
Dieser Satz ist nicht wütend. Er ist nicht bitter. Er ist einfach wahr.
Ich kann mit vielen Dingen umgehen. Mit Fehlern. Mit Schwächen. Mit Menschen, die nicht perfekt sind – weil ich es auch nicht bin. Ich kann mit Distanz umgehen, mit Eigenheiten, mit all den Komplikationen, die entstehen, wenn zwei unvollkommene Menschen versuchen, einander nahe zu sein.
Aber ich kann nicht mit Hohlheit umgehen. Mit dem Gefühl, dass da, wo ein Mensch sein sollte, nur ein Echo ist. Eine Oberfläche ohne Tiefe. Jemand, der die Worte kennt, aber nicht die Musik.
Und ich muss es auch nicht.
Das ist die Erkenntnis, die am längsten gebraucht hat. Nicht "Er ist hohl." Das war schnell klar. Sondern: "Ich muss das nicht aushalten. Ich muss nicht bleiben. Ich darf gehen."
Es gibt eine schmerzhafte Gnade im Aufwachen. Schmerzhaft, weil du siehst, was du jahrelang nicht sehen wolltest. Gnade, weil du endlich frei bist, es nicht mehr nicht sehen zu müssen.
25 Jahre sind eine lange Zeit. Aber sie sind auch: 25 Jahre, die vorbei sind. Jeder neue Tag ist eine Chance, anders zu wählen. Menschen in dein Leben zu lassen, die nicht hohl sind. Die da sind, nicht weil es bequem ist, sondern weil sie verstanden haben, was Freundschaft bedeutet.
Diese Menschen existieren. Vielleicht hast du sie übersehen, während du damit beschäftigt warst, die Schlafenden wachzuhalten. Vielleicht warten sie schon lange darauf, dass du dich ihnen zuwendest.
Epilog
Gestern Abend rief ich meine Stiefmutter an. Wir sprachen lange. Über ihre Krankheit, ja – aber auch über das Leben. Über die Menschen, die bleiben, und die, die gehen. Über das, was zählt, wenn vieles andere nicht mehr zählt.
Am Ende sagte sie etwas, das mich berührt hat:
"Die Menschen, die dich wirklich lieben, erkennst du nicht daran, was sie sagen. Du erkennst sie daran, dass sie da sind, wenn du sie brauchst. Alles andere ist nur Gerede."
Sie hat recht.
Alles andere ist nur Gerede.
Die Leisen, die nie sagen, wie loyal sie sind – sondern es zeigen.
Die Wahren, die nicht predigen, was Freundschaft bedeutet – sondern sie leben.
Die Treuen, die nicht versprechen, da zu sein – sondern einfach da sind.
Das sind die Menschen, die es verdienen, dass man bleibt.
Alle anderen – viel Spaß ohne mich.
Du erkennst dich wieder?
Im Coaching arbeiten wir daran, die Muster zu erkennen, die dich in unbalancierten Beziehungen halten – und den Mut zu finden, dich selbst zu wählen. Nicht aus Egoismus. Sondern aus dem Verständnis, dass du nur das geben kannst, was du dir selbst erlaubst zu haben.
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