Nach dreißig Jahren meldet sich jemand aus der Vergangenheit. Du denkst: Da will jemand wieder eine Verbindung. Du öffnest dich. Und dann stellt sich heraus – sie wollte eigentlich nur wissen, ob du noch lebst.
Es gibt Erfahrungen, die einen sprachlos machen. Nicht weil sie so dramatisch sind. Sondern weil sie so absurd sind, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll.
Vor einiger Zeit meldete sich eine ehemalige Klassenkameradin bei mir. Nach dreißig Jahren. Dreißig Jahre, in denen wir keinen Kontakt hatten. Kein einziges Wort.
Und dann – eine Nachricht.
Was für ein schöner Moment, dachte ich. Jemand aus der Vergangenheit, der sich erinnert. Der neugierig ist, wie mein Leben verlaufen ist. Der vielleicht spürt, dass da mal etwas war – eine Verbindung, eine gemeinsame Geschichte – und der diese Fäden wieder aufnehmen möchte.
Ich antwortete. Ausführlich. Ehrlich. Ich erzählte von meinem Weg, meinen Wendungen, meinem Leben. Ich schrieb mehrere E-Mails. Ich öffnete mich.
Ich tat das, was ich immer tue, wenn jemand auf mich zukommt: Ich nahm es ernst.
Ihre Antwort kam irgendwann. Und sie traf mich völlig unvorbereitet.
Sie schrieb, meine Antworten hätten sie – ich zitiere – „kolossal überfordert".
Nicht „überfordert". Kolossal überfordert.
Sie erklärte, sie hätte eigentlich nur fragen wollen, wie es mir so geht. Wie mein Weg so verlaufen ist. Ganz allgemein. Ganz unverbindlich. Und dass sie das mit anderen Klassenkameraden auch so gemacht hätte.
Und dass sie den Kontakt nicht weiterführen wolle.
Ich saß vor dieser Nachricht und versuchte zu verstehen.
Warum kontaktiert jemand einen Menschen nach dreißig Jahren – wenn sie eigentlich gar nichts will?
Was ist das für ein Impuls, der einen dazu bringt, eine Nachricht zu schreiben, eine Tür aufzustoßen, einen Menschen aus der Vergangenheit anzusprechen – nur um dann zu sagen: Ach, ich wollte eigentlich gar nicht rein. Ich wollte nur mal klopfen.
Und vor allem: Warum liegt der Fehler plötzlich bei mir?
Denn das war es, was mich am meisten traf. Nicht die Absage. Sondern die Art.
Kein Dank für die Offenheit. Kein „Es tut mir leid, da lag wohl ein Missverständnis vor." Kein Hauch von Verantwortung dafür, dass sie diesen Kontakt initiiert hatte.
Stattdessen: Du hast mich überfordert.
Als hätte ich etwas falsch gemacht.
Die Logik der oberflächlichen Höflichkeit
Ich habe lange über dieses Erlebnis nachgedacht. Und ich glaube, es steht für etwas Größeres.
Es gibt Menschen, die Beziehungen führen, ohne jemals wirklich in Beziehung zu treten. Die Kontakt aufnehmen, ohne Verbindung zu wollen. Die fragen, ohne die Antwort hören zu wollen.
Für sie ist Kommunikation ein Ritual. Ein Austausch von Höflichkeiten. Ein kurzes Antippen, um zu prüfen, ob der andere noch existiert – und dann weiter.
Wie geht's dir so?
Aber sie meinen nicht: Wie geht es dir wirklich? Sie meinen: Sag mir, dass es dir gut geht, damit ich mein Gewissen beruhigt habe und weitergehen kann.
Das Problem ist: Ich funktioniere nicht so.
Warum ich keine oberflächlichen Bekanntschaften führe
Ich habe in meinem Leben eine Entscheidung getroffen, die vielleicht nicht jeder versteht.
Ich führe keine Beziehungen aus Höflichkeit. Ich bin nicht freundlich zu Menschen, die mir nichts bedeuten, nur um den Schein zu wahren. Ich habe keine Bekanntschaften, die nur aus gelegentlichem Smalltalk bestehen.
Wenn jemand sich mir nähert und Interesse zeigt, dann erwidere ich das – ernsthaft. Wenn jemand nach dreißig Jahren schreibt, dann gehe ich davon aus, dass das einen Grund hat. Einen echten Grund.
Denn ich würde niemals jemanden kontaktieren, an dem ich kein echtes Interesse habe. Schon gar nicht jemanden, den ich dreißig Jahre nicht gesehen habe.
Wozu auch?
Es gibt Menschen, die sammeln Kontakte wie Briefmarken. Die haben hunderte „Freunde", mit denen sie alle paar Jahre mal ein „Na, wie geht's?" austauschen.
Ich gehöre nicht zu diesen Menschen.
Für mich ist jede Beziehung entweder echt – oder sie existiert nicht.
Das Recht auf echte Verbindung
Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob mit mir etwas nicht stimmt.
Ob ich „zu viel" bin. Zu intensiv. Zu ehrlich. Zu direkt.
Ob ich lernen muss, oberflächlicher zu sein. Unverbindlicher. Leichter.
Aber heute weiß ich: Das Bedürfnis nach echter Verbindung ist nichts, wofür ich mich entschuldigen muss.
Es ist das Natürlichste der Welt.
Menschen sind soziale Wesen. Wir sind gemacht für Tiefe, für Austausch, für echte Begegnungen. Das oberflächliche Geplänkel, das viele für „normal" halten – das ist die Anomalie. Nicht das Bedürfnis nach Echtheit.
Was ich aus dieser Erfahrung gelernt habe
Ich bin nicht mehr wütend auf diese ehemalige Klassenkameradin. Nicht wirklich.
Sie lebt in einer anderen Welt. Einer Welt, in der man Menschen nach dreißig Jahren anschreibt, um ein paar Höflichkeiten auszutauschen. In der man „kolossal überfordert" ist von jemandem, der eine ehrliche Antwort gibt.
Das ist ihr Recht.
Aber es ist auch mein Recht, in dieser Welt nicht mitspielen zu wollen.
Ich bin stolz darauf, keine oberflächlichen Beziehungen zu führen.
Stolz darauf, dass ich jeden Kontakt ernst nehme.
Stolz darauf, dass ich mich öffne, wenn jemand anklopft.
Und wenn das jemanden „kolossal überfordert" – dann war dieser Jemand von Anfang an nicht für meine Welt gemacht.
An alle, die sich „zu viel" fühlen
Wenn du das hier liest und dich wiedererkennst – wenn auch du schon erlebt hast, dass Menschen dich kontaktieren, nur um dann vor deiner Ehrlichkeit zurückzuschrecken – dann möchte ich dir etwas sagen:
Du bist nicht zu viel.
Du bist nicht zu intensiv, zu ehrlich, zu direkt.
Du bist ein Mensch, der echte Verbindung sucht. Und das ist kostbar.
Die Menschen, die dich „zu viel" finden, sind nicht deine Menschen. Sie leben in einer Welt der Oberflächlichkeit, in der echte Gefühle stören, in der Tiefe als Bedrohung empfunden wird.
Lass sie dort leben.
Und such dir Menschen, die deine Tiefe nicht fürchten – sondern feiern.
Lieber allein als in falscher Gesellschaft.
Lieber wenige echte Verbindungen als hundert hohle Kontakte.
Lieber „zu viel" sein als gar nicht vorhanden.
Du erkennst dich wieder?
Im Coaching arbeiten wir daran, dein Bedürfnis nach echter Verbindung als Stärke zu erkennen – und Menschen zu finden, die diese Tiefe zu schätzen wissen.
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