Nicht jede Unruhe ist ein Zeichen. Manchmal ist man einfach müde, gestresst, überlastet. Aber es gibt Momente, in denen etwas Tieferes spricht – eine Stimme, die sich nicht mehr ignorieren lässt.
Ich begegne Menschen, die seit Monaten – manchmal seit Jahren – ein Gefühl mit sich tragen, das sie nicht recht benennen können. Eine Schwere. Eine Leere. Ein Unbehagen, das sich nicht erklären lässt durch die äußeren Umstände ihres Lebens.
Auf dem Papier ist alles in Ordnung. Der Job, die Wohnung, das Einkommen. Und doch: Irgendetwas stimmt nicht.
Sie hoffen, dass es von selbst wieder geht. Dass es eine Phase ist, die vorübergeht. Aber tief in sich wissen sie: Das ist keine Phase. Das ist ein Ruf.
In schamanischen Traditionen spricht man davon, dass die Seele manchmal unruhig wird, wenn sie an einem Ort verweilt, der nicht mehr zu ihr passt. Es ist, als würde ein Teil von uns bereits weitergezogen sein – während der Rest noch am alten Platz verharrt.
Diese Spannung erzeugt Symptome. Nicht Krankheit im medizinischen Sinne, aber ein tiefes Unbehagen. Ein Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Nicht mehr ganz bei sich zu sein.
Im Folgenden beschreibe ich fünf solcher Zeichen. Nicht als Checkliste, die abgehakt werden muss. Sondern als Spiegel, in den du schauen kannst – um zu sehen, was darin auftaucht.
Das Schwinden am Sonntagabend
Es beginnt irgendwann am Nachmittag. Manchmal früher. Ein Schatten, der sich über den Tag legt. Die Vorstellung an den kommenden Montag erzeugt nicht Vorfreude, nicht einmal Neutralität – sondern eine bleierne Müdigkeit.
Schon wieder eine Woche.
Das ist mehr als der normale Überdruss, den jeder kennt. Das ist ein Signal des Körpers, der registriert hat, was der Verstand noch nicht wahrhaben will: Dass etwas an diesem Leben nicht mehr stimmt. Dass die Energie, die du in deine Arbeit steckst, nicht zurückkommt. Dass du gibst und gibst, aber leer bleibst.
Der Körper lügt nicht. Er kann nicht anders, als die Wahrheit zu fühlen – auch wenn wir sie noch nicht denken können.
Natürlich macht Arbeit nicht immer Freude. Das erwartet niemand. Aber es ist ein Unterschied, ob man gelegentlich einen schweren Tag hat – oder ob das Schwere zum Grundton geworden ist. Wenn der Sonntagabend regelmäßig von diesem Schatten heimgesucht wird, dann ist das kein „schlechter Tag" mehr. Das ist ein Muster. Und Muster wollen gelesen werden.
Die Leere nach dem Erreichten
Du hast erreicht, was du dir vorgenommen hattest. Die Position. Das Projekt. Vielleicht den Abschluss, die Beförderung, das Gehalt. Die Dinge, für die du jahrelang gearbeitet hast.
Und jetzt stehst du da – und fühlst: nichts. Oder schlimmer noch: eine Leere, die vorher nicht da war.
Ist das alles?
Diese Frage stellt sich nicht aus Undankbarkeit. Sie stellt sich, weil du gewachsen bist. Weil die Ziele, die du dir einst gesetzt hast, von einem Menschen kamen, der du nicht mehr bist. Du hast dich verändert. Deine Werte haben sich verschoben. Was vor fünf Jahren erfüllend klang, klingt heute hohl.
Energetisch betrachtet ist das ein Zeichen, dass die Seele weitergezogen ist, während das Leben noch im alten Rahmen steckt. Der Körper ist am Ziel – aber das Herz ist längst woanders.
Und in dieser Lücke entsteht die Leere. Nicht als Versagen. Sondern als Einladung, neu zu fragen: Was will ich wirklich? Nicht mehr – was wollte ich einmal?
Das geteilte Leben
Montag bis Freitag: überstehen. Samstag und Sonntag: leben.
Du zählst die Stunden bis zum Feierabend. Die Tage bis zum Wochenende. Die Wochen bis zum Urlaub. Dein Leben ist in zwei Hälften zerfallen: die Zeit, die du absitzt – und die Zeit, die dir gehört.
Das ist eine gefährliche Teilung. Nicht weil sie selten wäre – im Gegenteil, sie ist erschreckend verbreitet. Sondern weil sie so schleichend kommt, dass man sie für normal hält.
Aber sie ist nicht normal. Zumindest nicht in dem Sinne, dass wir sie akzeptieren müssten.
In der schamanischen Weltsicht gibt es das Konzept des „Seelenverlusts" – Momente, in denen ein Teil von uns sich abspaltet, weil die Situation unerträglich wird. Ich frage mich manchmal, ob dieses geteilte Leben nicht eine moderne Form davon ist: Wir geben einen Teil von uns ab, um die fünf Tage zu überstehen. Und holen ihn am Wochenende kurz zurück, nur um ihn Montagmorgen wieder wegzuschließen.
Das ist keine Lebensführung. Das ist eine Überlebensstrategie. Und sie hat ihren Preis.
Das Verstummen
Früher hast du mit Begeisterung erzählt, was du tust. Oder zumindest ohne Unbehagen. Heute, wenn jemand fragt – „Und, was machst du beruflich?" – merkst du, wie du innerlich zurückweichst.
Du antwortest knapp. Wechselst das Thema. Oder du erzählst die Fakten, aber ohne Leben darin. Als würdest du über jemand anderen sprechen.
Das ist mehr als Bescheidenheit. Das ist ein Zeichen, dass du dich nicht mehr erkennst in dem, was du tust. Dass die Rolle, die du spielst, nicht mehr zu der Person passt, die du geworden bist. Es fühlt sich fremd an, weil es fremd geworden ist.
Unsere Arbeit – das, womit wir unsere Zeit verbringen – ist ein Teil unserer Identität. Nicht der einzige, nicht der wichtigste, aber ein bedeutsamer. Wenn wir nicht mehr darüber sprechen können, ohne innerlich zusammenzuzucken, dann sagt das etwas. Es sagt: Das bin ich nicht mehr.
Die nächtliche Suche
Spät am Abend, wenn das Haus still ist, wenn niemand zuschaut – öffnest du den Browser. Du googelst Dinge wie: „Neuanfang mit 40", „Quereinstieg", „berufliche Neuorientierung". Du liest Stellenanzeigen für Jobs, die du nicht hast. Du schaust Videos von Menschen, die den Sprung gewagt haben.
Du sagst dir vielleicht, dass du nur „mal schaust". Dass es nichts bedeutet. Aber es bedeutet etwas.
Dein Unterbewusstsein hat längst entschieden. Es sucht bereits nach dem Ausgang, während dein Verstand noch so tut, als wäre alles in Ordnung. Diese nächtlichen Recherchen sind keine Ablenkung – sie sind ein Kompromiss. Der Teil von dir, der gehen will, darf wenigstens im Verborgenen suchen.
Das ist kein Zeichen von Unentschlossenheit. Es ist ein Zeichen von Bereitschaft. Du wartest nur noch darauf, dass du dir selbst die Erlaubnis gibst.
Was diese Zeichen bedeuten
Wenn du dich in einigen dieser Beschreibungen wiedererkennst, dann ist das eine Einladung:
Etwas in dir meldet sich.
Nenn es Seele, nenn es Intuition, nenn es wie du willst. Etwas in dir weiß, dass der aktuelle Zustand nicht mehr stimmig ist. Dass es Zeit ist, hinzuschauen.
Das ist der erste Schritt: Die Bereitschaft, ehrlich zu sein. Mit dir selbst. Über das, was ist – und das, was sein könnte.
Ein paar Fragen zum Verweilen
Nicht zum Beantworten, nicht zum Abhaken. Nur zum Dasein-Lassen:
Was würde ich tun, wenn die Angst nicht wäre?
Wenn ich mir vorstelle, in fünf Jahren noch genau hier zu sein – wie fühlt sich das an?
Was halte ich fest, obwohl ich längst weiß, dass es mich nicht mehr nährt?
Und: Was wäre, wenn ich mir selbst die Erlaubnis gäbe?
Du musst diese Fragen nicht heute beantworten. Du musst gar nichts beantworten. Aber vielleicht möchtest du sie eine Weile mit dir tragen. Vielleicht antworten sie von selbst, wenn die Zeit gekommen ist.
Über die Bereitschaft
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wissen, dass sich etwas ändern muss – und der Bereitschaft, diese Änderung zuzulassen.
Wissen allein verändert nichts. Man kann jahrelang wissen, dass man in der falschen Beziehung ist, im falschen Job, am falschen Ort. Das Wissen macht es nicht leichter. Manchmal macht es die Sache sogar schwerer, weil das schlechte Gewissen wächst, je länger man untätig bleibt.
Bereitschaft ist etwas anderes. Sie ist der Moment, in dem das Wissen vom Kopf ins Herz sinkt. In dem man nicht mehr nur denkt, sondern fühlt: Es ist Zeit.
Diese Bereitschaft lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt, wenn sie kommt. Was wir tun können, ist: ihr den Weg bereiten. Indem wir ehrlich hinschauen. Indem wir aufhören, uns selbst zu belügen. Indem wir die Zeichen lesen, die längst da sind.
Vielleicht ist dieser Text ein kleiner Schritt in diese Richtung. Nicht die Antwort – aber vielleicht der Anfang einer ehrlichen Frage.
Du spürst, dass etwas in Bewegung kommen will?
Manchmal braucht es einen geschützten Raum, um die eigene Wahrheit zu hören. Im Coaching begleite ich dich dabei, hinzuschauen – ohne Druck, ohne Bewertung, in deinem Tempo.
Kostenloses Erstgespräch buchen— Amy Lang