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„Nur die Toten haben keine Zeit"

November 2025 · 15 Min. Lesezeit

Über die Lüge, die wir uns täglich erzählen – und was es wirklich bedeutet, Zeit zu haben.

Es gibt einen Satz, den ich so oft höre, dass er zur Hintergrundmusik meines Lebens geworden ist: „Ich würde ja gerne, aber ich habe einfach keine Zeit."

Menschen tragen diesen Satz vor sich her wie einen Schutzschild. Gegen Anfragen, gegen Veränderung, gegen das eigene Gewissen. Er klingt vernünftig. Unangreifbar. Wer könnte etwas dagegen sagen?

Und doch, manchmal, wenn ich ihn höre, antworte ich: „Nur die Toten haben keine Zeit. Sie haben die Ewigkeit – aber keine Zeit. Du hingegen hast Zeit. Du weißt nur nicht, was sie ist."

Dann wird es still.

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Das Mantra der Selbsttäuschung

„Keine Zeit" ist mehr als eine Aussage über den Kalender. Es ist ein Glaubenssatz. Ein Mantra, das wir so oft wiederholen, bis wir es für Wahrheit halten.

Es hat seine Vorteile: Wer „keine Zeit" hat, muss sich nicht erklären. Muss nichts ändern. Muss nicht in die Tiefe gehen. Es ist die perfekte Ausrede für alles, was wir nicht tun wollen, wovon wir Angst haben, was wir vor uns herschieben.

Und es ist eine Lüge. Vielleicht die verbreitetste, die wir uns selbst erzählen.

Denn „keine Zeit haben" bedeutet in Wahrheit: andere Prioritäten haben. Jeder Mensch hat dieselben 24 Stunden am Tag. Die Frage ist nur, wofür wir sie verwenden – und wofür nicht.

Was ist Zeit?

Die alten Griechen hatten zwei Wörter für das, was wir „Zeit" nennen.

Chronos – die messbare, lineare Zeit. Die Zeit der Uhren und Kalender, die unbarmherzig vorwärts tickt, Sekunde für Sekunde, gleichförmig und unaufhaltsam.

Kairos – der rechte Augenblick. Der qualitative Moment. Die Zeit, in der etwas Bedeutungsvolles geschieht, in der sich alles verändern kann, die man „beim Schopfe packt".

Chronos ist: „Es ist 14:30 Uhr."

Kairos ist: „Das ist der Moment."

Wenn wir sagen „ich habe keine Zeit", meinen wir Chronos. Wir glauben, die Uhr bestimmt unser Leben.

Aber wir leben in Kairos. In Momenten. In Qualität. In der Zeit, die nur wir selbst erschaffen können.

Michael Ende hat das in „Momo" wunderbar beschrieben: Die grauen Herren, die den Menschen einreden, sie müssten ihre Zeit „sparen". Und je mehr die Menschen sparen, desto weniger haben sie – weil sie aufhören, zu leben.

Zeit lässt sich nicht sparen. Sie lässt sich nur leben. Jetzt. In diesem Moment.

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Was uns wirklich die Zeit stiehlt

Wenn jemand ständig sagt „Ich habe keine Zeit", liegt es selten an der Zeit. Es liegt an etwas anderem.

Die kleinen Süchte

Das Scrollen durch Social Media. Das „nur mal kurz schauen" auf dem Handy, das zu einer Stunde wird. Die Serien, die wir nicht abschalten können. Der Perfektionismus, der uns zwingt, alles noch einmal zu überarbeiten, noch einmal zu prüfen, noch einmal zu optimieren.

Diese kleinen Süchte fressen unsere Zeit auf – nicht weil sie böse wären, sondern weil sie eine Leere füllen sollen, die sie nie füllen können. Und solange wir süchtig sind, haben wir keine Zeit. Weil unsere Zeit bereits besetzt ist.

Die unsichtbaren Fesseln

Die Glaubenssätze, die wir aus der Kindheit mitbringen: „Ich kann nicht erfolgreich sein." „Das steht mir nicht zu." „Andere sind dafür gemacht, nicht ich."

Diese Überzeugungen halten uns davon ab, unsere Zeit für das zu nutzen, was wirklich zählt. Sie flüstern uns zu: „Warum überhaupt anfangen? Du schaffst es sowieso nicht."

Und so investieren wir unsere Zeit in Sicheres, in Gewohntes, in das, was keine Veränderung bringt.

Das Uneingestandene

Und dann gibt es noch etwas Subtileres. Menschen, deren Leben eigentlich gut läuft. Der Job ist in Ordnung. Das Privatleben auch. Keine großen Krisen. Und trotzdem dieses nagende Gefühl: „Ich habe nie Zeit für mich."

Was dahinter steckt: Es gibt etwas, wofür sie brennen – etwas, das sie sich nicht erlauben. Vielleicht wissen sie es noch nicht einmal bewusst. Aber ihre Gedanken kreisen darum, auch wenn sie arbeiten, auch wenn sie mit anderen zusammen sind. Unterbewusst ist die Sehnsucht immer da.

Und solange sie dieser Sehnsucht keinen Raum geben – und sei es nur fünf Minuten am Tag – werden sie nie das Gefühl haben, Zeit zu haben. Weil sie innerlich immer woanders sind.

„Solange du nicht die eine Sache in deinem Leben tust, für die deine Seele brennt – und sei es nur fünf Minuten täglich – wirst du niemals das Gefühl haben, Zeit für dich zu haben."
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Die fünf Minuten, die alles verändern

Es klingt banal. Fünf Minuten. Was soll das schon ändern?

Aber diese fünf Minuten – täglich, konsequent, nur für das eine reserviert, wofür die Seele brennt – haben eine merkwürdige Kraft.

Es geht dabei nicht um Produktivität. Nicht um „etwas schaffen". Es geht darum, der eigenen Sehnsucht einen Platz zu geben. Einen Moment am Tag, der unverhandelbar ist. Heilig, wenn man so will.

Vielleicht ist es Schreiben. Oder Malen. Oder Musik. Oder Stille in der Natur. Vielleicht weißt du noch nicht einmal, was es ist – dann nimm dir fünf Minuten, um es herauszufinden.

Wenn du noch nicht weißt, wofür du brennst, dann nimm dir fünf Minuten am Tag und geh an einen schönen Ort. Nur das. Regelmäßig. Vielleicht fällt es dir ein, wenn du dir diese Minuten gibst.

Diese fünf Minuten müssen qualitativ sein. Wirklich nur für das reserviert, wofür deine Seele brennt. Nicht für Faulenzen oder Zerstreuung. Für das Eine.

Ehre diese fünf Minuten. Halte sie hoch. Schütze sie wie etwas Kostbares.

Was dann geschieht

Nach einer Weile wirst du etwas Merkwürdiges bemerken: Du hast mehr Zeit. Nicht weil der Tag länger geworden wäre. Sondern weil Zeit Kopfsache ist.

Wenn du bei der Arbeit nicht mehr darüber grübelst, warum du noch immer nicht angefangen hast mit dem, was dir wichtig ist – dann kannst du dich voll auf das konzentrieren, was vor dir liegt. Und es genießen.

Wenn du in der Freizeit nicht mehr von unerfüllter Sehnsucht heimgesucht wirst – dann bist du wirklich da. Präsent. Lebendig.

Die fünf Minuten geben dir den Rest des Tages zurück. Weil du aufhörst, innerlich abwesend zu sein. Weil du aufhörst, dir selbst etwas schuldig zu bleiben.

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Die Frage, die bleibt

Zeit ist keine Ressource, die man optimieren muss. Zeit ist das Medium, in dem wir unser Leben gestalten. Wir haben sie – solange wir leben. Die Frage ist nur, was wir mit ihr tun.

Nur die Toten haben keine Zeit. Sie haben die Ewigkeit, aber keine Zeit.

Du hast Zeit. Jetzt. In diesem Moment. In den nächsten fünf Minuten.

Die Frage ist nicht: Habe ich Zeit?

Die Frage ist: Wofür entscheide ich mich, sie zu nutzen?

Du möchtest herausfinden, wofür deine Seele brennt?

Im Coaching schaffen wir Raum für das, was unter der Oberfläche wartet – und finden Wege, ihm einen Platz in deinem Leben zu geben.

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— Amy Lang