Die Autoaggression, die du nicht siehst
Wenn du Fremde respektvoller behandelst als die Menschen, die dir am nächsten sind – das ist keine Höflichkeit. Das ist systemische Selbstdestruktion, die unweigerlich auf deine intimsten Beziehungen übergreift.
Die Szene im Café
Eine Freundin und ich sitzen im Café. Wir reden gerade über etwas Wichtiges. Ich bin mittendrin im Satz, vertieft in das Gespräch.
Eine fremde Person kommt und setzt sich an den Nebentisch.
Was passiert?
Meine Freundin unterbricht mich sofort mitten im Satz.
Sie wendet sich zur fremden Person. Lächelt übertrieben freundlich. Fragt, ob alles in Ordnung ist. Ob unsere Stühle im Weg sind. Ob unsere Taschen stören. Ob die Person genug Platz hat.
Sie ist zuckersüß.
Zu der wildfremden Person.
Zu mir – ihrer Freundin, mit der sie gerade ein tiefes Gespräch führte – kein Wort der Entschuldigung. Keine Erklärung. Kein "Moment mal, lass mich kurz..."
Ich wurde einfach unterbrochen und ignoriert.
Das Muster dahinter
Diese Szene mag klein erscheinen. Unbedeutend. Ein Moment der Höflichkeit.
Aber es ist mehr als das.
Es offenbart ein tiefgreifendes psychologisches Muster, das ich in meiner Coaching-Arbeit immer wieder beobachte – besonders bei Menschen mit Hashimoto und anderen Autoimmunerkrankungen, aber auch weit darüber hinaus.
Das Muster lautet:
Je näher mir ein Mensch steht, desto weniger Respekt zeige ich ihm.
Je fremder mir ein Mensch ist, desto perfekter inszeniere ich meine Höflichkeit.
Und zu mir selbst? Da bin ich am härtesten.
Der Behandlungs-Kompass
Ich nenne dieses Phänomen den "Behandlungs-Kompass". Er zeigt, wen du wie behandelst – und offenbart eine bemerkenswerte Hierarchie der Respektlosigkeit. Die Tabelle verdeutlicht, was viele Menschen intuitiv praktizieren, ohne es je bewusst reflektiert zu haben:
| Person | Geduld | Aufmerksamkeit | Unterbrechungen | Freundlichkeit |
|---|---|---|---|---|
| Fremde | 10/10 | Unbegrenzt | Nie | Übertrieben |
| Bekannte | 7/10 | Viel | Selten | Höflich |
| Freunde | 4/10 | Wenig | Oft | Neutral |
| Partner/Familie | 2/10 | Kaum | Ständig | Gereizt |
| Ich selbst | 0/10 | Keine | Immer | Feindselig |
Siehst du das Muster?
Je näher der Mensch, desto härter die Behandlung. Je wichtiger die Beziehung, desto weniger Respekt.
Und ganz unten, an letzter Stelle: Du selbst.
Warum das Autoaggression ist
Du denkst vielleicht: "Das ist doch nur Höflichkeit. Ich bin eben gut erzogen und behandle Fremde respektvoll."
Doch schauen wir genauer hin.
Echte Höflichkeit bedeutet, allen Menschen respektvoll zu begegnen – Fremden und Nahestehenden und dir selbst. Sie ist konsistent, nicht selektiv.
Autoaggression dagegen zeigt sich darin, dass du:
- Dich selbst am schlechtesten behandelst – ohne Geduld, ohne Nachsicht, ohne die Freundlichkeit, die du Fremden selbstverständlich entgegenbringst
- Die Menschen, die dir am nächsten stehen, emotional vernachlässigst – sie erhalten deine Gereiztheit, deine Ungeduld, deine unterdrückte Wut
- Fremden eine perfekt inszenierte Version von dir präsentierst – während jene, die dich wahrhaftig lieben, mit emotionalen Überresten zurechtkommen müssen
Das ist keine Höflichkeit. Das ist projizierter Selbsthass, der systemisch auf dein soziales Umfeld übergreift.
Die Verbindung zu Hashimoto
In meinem letzten Blogpost habe ich über Hashimoto und die nach innen gerichtete Aggression geschrieben.
Bei Hashimoto greift das Immunsystem die eigene Schilddrüse an. Das "Ich" zerstört systematisch die eigene Lebenskraft, die eigene Entwicklung, die eigene Stimme im wörtlichen und übertragenen Sinne.
Doch diese Aggression bleibt nicht isoliert nach innen gerichtet.
Sie findet Wege nach außen – und einer der subtilsten ist die Art, wie du mit den Menschen umgehst, die dir nahestehen. Die psychosomatische Logik ist stringent: Was du dir selbst antust, tust du unweigerlich auch deinen Beziehungen an.
Wenn du dich selbst angreifst, greifst du systemisch auch deine Beziehungen an.
Die Selbstzerstörung ist keine isolierte Handlung. Sie überträgt sich, breitet sich aus, wird zur Beziehungszerstörung.
Wenn du die Person bist, die so behandelt wird
Vielleicht liest du diesen Text und erkennst dich nicht in der Person, die dieses Muster auslebt.
Sondern du erkennst dich als jene Person, die diesem Muster ausgesetzt ist.
Du bist die Freundin im Café, die mitten im Satz unterbrochen wird, sobald eine fremde Person den Raum betritt. Du bist der Partner, der weniger Geduld erhält als ein beliebiger Kellner. Du bist das Kind, das härter behandelt wird als jeder Gast, der das Haus betritt.
Und du fragst dich: "Was stimmt nicht mit mir? Warum werde ich so behandelt?"
Eine wichtige Klarstellung:
Es liegt nicht an dir.
Es liegt nicht daran, dass du zu viel bist, zu fordernd, zu anstrengend, zu präsent.
Es liegt daran, dass die andere Person eine destruktive Beziehung zu sich selbst pflegt – und diese Selbstablehnung systemisch auf dich übergreift.
Menschen, die sich selbst destruktiv behandeln, behandeln zwangsläufig auch die Menschen destruktiv, die ihnen am nächsten stehen. Nicht aus bewusster Bosheit. Sondern weil ihre Selbstbeziehung so fundamental beschädigt ist, dass sie keine andere Form der Begegnung kennen.
Ihre Autoaggression ist so tief verwurzelt, dass sie unvermeidlich auf alle übergreift, die ihnen nahestehen – gerade weil Nähe ihre existenziellste Bedrohung darstellt.
Die Konsequenzen
Dieses Muster – Fremde zu idealisieren, während die Nahestehenden emotional darben – hat weitreichende psychologische und soziale Folgen:
1. Der schleichende Verlust bedeutsamer Beziehungen
Die Menschen, die dir nahestehen, haben eine begrenzte emotionale Belastbarkeit. Irgendwann erkennen sie das Muster: "Ich erhalte lediglich Überreste – die Gereiztheit, die Ungeduld, die emotionale Kälte."
Sie distanzieren sich dann nicht aus Bosheit, sondern aus psychischer Selbsterhaltung.
2. Die selbsterfüllende Prophezeiung der Unwürdigkeit
Indem du Menschen, die dir nahestehen, schlechter behandelst, bestätigst du dir eine tief verankerte Überzeugung: "Ich bin nicht liebenswert. Ich verdiene keine authentische Nähe."
Du sabotierst Intimität systematisch – weil ein Teil von dir überzeugt ist, sie nicht zu verdienen.
3. Die Paradoxie der sozialen Einsamkeit
Fremde bieten keine substanzielle emotionale Tiefe. Sie bleiben transitorisch, oberflächlich.
Indem du deine psychische Energie in flüchtige Begegnungen investierst, während du die Tiefenbeziehungen vernachlässigst, erzeugst du eine existenzielle Einsamkeit – sozial eingebettet und dennoch ohne echte Verbindung.
4. Das verpasste Potenzial authentischer Verbindung
Tiefe Freundschaft entsteht nicht durch perfekt inszenierte Fassaden, sondern durch Authentizität. Durch Verletzlichkeit. Durch das Zeigen der unpolierten, widersprüchlichen Anteile.
Wer Fremden die polierte Version präsentiert und Nahestehenden die ungefilter te Wut – verfehlt beide Male echte Begegnung.
5. Die Perpetuierung der Autoaggression
Solange du dieses Muster lebst, verstärkst du die zugrunde liegende Selbstablehnung. Heilung wird unmöglich.
Du bestätigst das destruktive Narrativ. Du nährst die Selbstzerstörung. Du bleibst in einem selbsterhaltenden Kreislauf gefangen.
Der Weg heraus
Die Transformation dieses tief verankerten Musters erfordert mehr als guten Willen. Sie braucht systematische Selbstreflexion und konsequente Verhaltensänderung:
1. Erkenne das Muster (Bewusstmachung)
Der erste Schritt ist immer radikale Bewusstheit. Beobachte dich selbst ohne Beschönigung: Wo behandelst du Fremde respektvoller als die Menschen, die dir nahestehen? Wo unterbrichst du jene, die dir wichtig sind, für Belanglosigkeiten? Dokumentiere diese Momente – Selbsttäuschung ist das größte Hindernis.
2. Ergründe die Tiefenstruktur (Analyse)
Welche Überzeugungen über dich selbst liegen diesem Muster zugrunde? Was glaubst du über Nähe, über deine Liebenswürdigkeit, über das Recht auf authentische Beziehungen?
Oft steckt dahinter eine toxische Glaubenskonstellation: "Ich bin es nicht wert, authentisch geliebt zu werden. Ich muss für Fremde perfekt performen – aber jene, die mich lieben, müssen meine ungefilterte Destruktivität ertragen."
3. Kehre die Hierarchie um (Verhaltensänderung)
Beginne, die Menschen, die dir nahestehen, mindestens so respektvoll zu behandeln wie Fremde. Idealerweise: Deutlich besser.
Konkret: Unterbreche deine Freundin nicht mitten im Satz. Zeige deinem Partner die Geduld, die du einem Kellner selbstverständlich entgegenbringst. Bringe deinen Kindern die Freundlichkeit entgegen, die du einem Nachbarn schenkst.
4. Kultiviere Selbstmitgefühl (Transformation)
Zentral: Behandle dich selbst mit der Würde und dem Respekt, die du jedem Menschen zustehst.
Die Qualität deiner Beziehung zu dir selbst bestimmt die Qualität all deiner anderen Beziehungen. Wenn du dir selbst gegenüber wohlwollend bist, kannst du es auch anderen gegenüber sein.
5. Hole dir professionelle Begleitung (Unterstützung)
Dieses Muster zu durchbrechen ist komplex. Es ist tief verwurzelt, jahrzehntealt, hochgradig resistent gegen Veränderung.
Erwäge professionelle Unterstützung – durch Coaching, Therapie oder einen reflektierten Menschen, der dich spiegelt und liebevoll-konsequent konfrontiert, wenn du in alte Destruktionsmuster zurückfällst.
Zwei Perspektiven, eine Realität
Wenn du die Person bist, die dieses Muster auslebt:
Die Menschen, die dir nahestehen, haben eine begrenzte psychische Belastbarkeit. Sie werden sich irgendwann zurückziehen – nicht aus Rachsucht, sondern aus psychischer Notwendigkeit. Niemand kann dauerhaft in einer Beziehung existieren, in der er weniger Respekt erhält als ein Fremder auf der Straße.
Die Veränderung muss geschehen, bevor die Beziehung unwiederbringlich beschädigt ist.
Wenn du die Person bist, die diesem Muster ausgesetzt ist:
Du trägst keine Schuld an der Destruktivität der anderen Person. Du bist nicht "zu viel", nicht "zu anstrengend", nicht "zu fordernd". Du verdienst eine Behandlung, die deine Würde anerkennt.
Gleichzeitig: Du hast die Verantwortung, für deine psychische Integrität einzustehen. Das bedeutet, Grenzen zu setzen. Das bedeutet zu kommunizieren: "Diese Form der Behandlung akzeptiere ich nicht." Das bedeutet gegebenenfalls, eine Beziehung zu verlassen, die deine Selbstachtung systematisch untergräbt.
Verbleibe nicht in einer Beziehungskonstellation, in der du strukturell schlechter behandelt wirst als beliebige Fremde.
Zum Schluss
Autoaggression manifestiert sich nicht nur in dem, was du dir selbst antust.
Sie zeigt sich ebenso in der Art, wie du mit den Menschen umgehst, die dich lieben und die dir vertrauen.
Wenn du dich selbst systematisch zerstörst, erzeugst du unweigerlich Kollateralschäden in deinen intimsten Beziehungen.
Die hoffnungsvolle Perspektive: Dieses Muster ist nicht unabänderlich. Du kannst lernen, dich selbst mit Würde zu behandeln. Du kannst lernen, Menschen, die dir nahestehen, den Respekt zu erweisen, den sie verdienen. Du kannst lernen, dass authentische Nähe keine existenzielle Bedrohung darstellt.
Doch diese Transformation erfordert Mut zur Konfrontation mit sich selbst. Sie erfordert radikale Ehrlichkeit. Sie erfordert die Bereitschaft, jene Anteile deiner Psyche zu betrachten, die du bevorzugt im Schatten hältst.
Die entscheidende Frage lautet: Wen behandelst du am destruktivsten?
Und was verrät das über deine Beziehung zu dir selbst?"
Denn die Menschen, die du am destruktivsten behandelst – das sind jene, die dir am nächsten stehen.
Und diese Hierarchie der Respektlosigkeit offenbart die Tiefenstruktur deines Selbstwertes.
Erkennst du dieses Muster in deinem Leben?
Im Coaching arbeiten wir daran, diese tief verankerten Muster zu erkennen und zu transformieren – damit du lernst, dich selbst und die Menschen, die dir wichtig sind, mit der Würde zu behandeln, die ihr verdient.
Kostenloses Erstgespräch buchen— Amy Lang